Mit Andreas Waadt beim Abschiedskonzert in der alten Heimat.

Überall in der Innenstadt von Sibiu / Hermannstadt springen uns die Plakate ins Auge: Symphonisches Konzert der Staatsphilharmonie Hermannstadt mit den Solisten Andreas Waadt (Flöte) und Lucia Dobri (Oboe). Das war der Grund unserer Reise ins rumänische Siebenbürgen von wo Waadt 1983 emigriert war. Über verschiedene Stationen war Waadt als Musiklehrer in Tettnang gelandet. Nach der Verabschiedung von der Musikschule Tettnang im Sommer 2013 wollte sich Andreas Waadt nun auch an den Wurzeln seiner (musikalischen) Lebenslinie aus dem Berufsleben verabschieden.

Bis zum Konzert blieben den 13 mitgereisten Freunden und Bekannten noch einige Tage zum Eintauchen in eine für die meisten neue und unbekannte Welt am Rande des Balkans. Bereits am Ankunftstag durften sie die Gastfreundschaft und die gute rumänische Küche im Hause Waadt genießen. Die Nachbarin Julie hatte für die Gruppe ein deftiges Menü gezaubert das für die kommende Woche einiges an zugelegten Pfunden befürchten ließ. Eine erste Erkundung zu Fuß zum nahe gelegenen Friedhof beeindruckte mit seinen prachtvollen Grabmalen. Nachteil dieser für Mitteleuropäer ungewohnten Totenverehrung der orthodoxen Christen ist ein riesiger Flächenverbrauch für die Friedhöfe – so groß dass ein reger PKW-Verkehr auf dem Friedhof herrscht. Ein erster Rundgang in Sibius Innenstadt gab einen ersten Eindruck von der Stadt mit ca. 160000 Einwohnern. Viele öffentliche Gebäude und Kirchen sind renoviert und in einem beeindruckenden Zustand. Daneben gibt es allerdings noch sehr viel alte und dem Verfall nahe Bausubstanz wie es vom Zusammenbruch der DDR noch in guter Erinnerung ist.

Ausflüge mit unseren Führerinnen Anna und Cosima in die nähere und weitere Umgebung von Hermannstadt brachten uns zunächst heimatliche Gefühle: Auf dem Weg nach Norden machte unser Fahrer Johann am Stadtrand von Hermannstadt an einem blauen Firmengebäude Halt. Die Firma Wenglor Sensoric aus Tettnang betreibt seit 2001 ein Werk in Sibiu. Klar dass hier heftig über den Zaun fotografiert wurde. Eine weitere Tagesfahrt brachte die Gelegenheit, beeindruckende Wehrkirchen zu besichtigen. Bereits der Name dieses Landstrichs ‚Siebenbürgen‘ deutet darauf hin dass er Teil eines befestigten Handelswegs zwischen Persien und dem heutigen Europa war. Entsprechend reich die Ausstattung der Kirchenburgen deren Schätze aber aus Sicherheitsgründen heute teilweise in Museen von Hermannstadt und Bukarest verwahrt sind. Orte wie Mediasch, Schäßburg, Heltau mit zum Teil sehr persönlichen Begegnungen werden tief in Erinnerung bleiben. Vor allem die sehr eindrucksvollen Führungen von Küstern die noch in derselben Generation wie die Besucher groß geworden sind haben tief beeindruckt – wie wird es hier wohl in der nächsten Generation weiter gehen?
Weltliche Genüsse und eine Gastfreundschaft sonders gleichen durften die Besucher bei ihrer Rückkehr nach Hermannstadt bei einem Schlachtfest in der Verwandtschaft von Familie Waadt erfahren. Extra wurde ein Mangalita-Schwein geschlachtet und zum Abschied ein Besuch in Tettnang verabredet.

Der ‚offizielle‘ Teil des Besuches begann mit einem Empfang im Rathaus. Die stellvertretende Bürgermeisterin Astrid Fodor hieß die Besucher in bestem Deutsch herzlich willkommen. Ihre Partei – das ‚Demokratische Forum der Deutschen‘ - hat die Mehrheit im Stadtparlament und stellt den Bürgermeister – Klaus Johannis. Dieser wurde bei der vergangenen Regierungsbildung als Minister gehandelt – anscheinend ist die Zeit aber noch nicht reif dafür. Immerhin interessant, dass offensichtlich auch viele nicht deutschstämmige Einwohner dem Demokratischen Forum ihr Vertrauen geben. Sie stellte Sibiu als prospektierende Stadt mit einer traumhaft geringen Arbeitslosenquote von ca. 0,8 % der 18 – 62 jährigen vor. Ein Großteil des stark ansteigenden Steueraufkommens wird für kulturelle Aufgaben verwendet.
Der Sprecher der Tettnanger Delegation Alt-Bürgermeister Viktor Grasselli stellte kurz Tettnang vor und überreichte neben einem Tettnang-Buch mit persönlicher Widmung des Tettnanger Bürgermeisters einige hopfige Präsente aus Tettnang. Frau Fodor versprach spontan einen Besuch in Tettnang zu machen wenn ihr einmal nach Bier dürste.

Der Höhepunkt – und eigentliche Grund - der Reise war das bereits erwähnte Konzert der Staatsphilharmonie Hermannstadt. Im ersten Teil des Programms eröffnete das Orchester den Abend mit einer Overtüre aus ‚Russland und Ludmilla‘. Im Konzert für Flöte, Oboe und Orchester in C-Dur von Antonio Salieri konnten die beiden Solisten Andreas Waadt und Lucia Dobri ihr ganzes Können zu Gehör bringen – eine vom Publikum begeistert gewünschte Zugabe inklusive. Den zweiten Teil des Konzertes bestritt das Orchester alleine. Zu Mozarts Sinfonie Nr. 25 in g-Moll konnten sich die Besucher noch einmal zurück lehnen, das Erlebte Revue passieren lassen und überleiten zum krönenden Abschluss: Alt-Bürgermeister Viktor Grasselli feierte zum Abschied von Hermannstadt mit den Teilnehmern der Reise seinen 78. Geburtstag.

© Copyright 12. März 2014 H. Neidhardt


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